Diesseits in Afrika

Seit vielen Jahren hat das südliche Afrika Doktor Specht in den Bann gezogen. Land & Leute, die unvergleichliche Tierwelt, aber vor allem die Möglichkeit, seine medizinischen Kenntnisse dort einzubringen, standen dabei von Anfang an im Vordergrund. Hier berichtet er selbst in loser Folge von seinen Erlebnissen, Erfahrungen und Projekten.

Der Beginn einer Leidenschaft - und schuld ist Daktari

Wahrscheinlich habe ich das mit Vielen meiner Generation gemeinsam, jedenfalls weiß ich von etlichen Gleichaltrigen, die ebenfalls stark von TV-Serien ihrer Kindheit geprägt wurden. Bei mir war es ganz klar „Daktari“, jene äußerst erfolgreiche Fernsehserie, in der jeden Samstag um Viertel vor sechs der adrette Tierarzt Dr. Marsh Tracy mit seinem Team wilde Tiere in der afrikanischen Savanne rettete und auch sonst so manches Abenteuer zu überstehen hatte (Dass große Teile der Serie gar nicht in Afrika, sondern in den USA gedreht wurden, wusste ich damals Gott sei Dank noch nicht).

Das erste Mal Afrika - vom Virus infiziert

Soveto in den frühen 1990er Jahren

Bis ich dann aber selbst das erste Mal afrikanischen Boden betreten würde, sollte noch eine ganze Weile dauern. 1993, Nelson Mandela war noch nicht lange vorher aus dem Gefängnis entlassen worden, hatte ich das Glück, für ein internationales medizinisches Filmprojekt nach Südafrika reisen zu dürfen. Was für eine Gelegenheit und was für ein Erlebnis! Kaum in Johannesburg gelandet, ich weiß es noch wie heute, befand ich mich keine 3 Stunden später mitten im Hot-Spot des größten Townships Afrikas, in Soweto. Einer der geschätzt ca. 3,5 Millionen Bewohner dieser Mega-Blechhüttenstadt hatte mich eingeladen, mir sein Zuhause und seinen Alltag zu zeigen.

Blechhütten prägen das Bild eines Townships. Auch das von Soveto

Auch und gerade damals war das kein ganz ungefährliches Unterfangen, denn offene Feindseligkeiten der schwarzen Bevölkerung einem Weißen gegenüber, der schon durch seine Hautfarbe als Repräsentant des verhassten Apartheid-Regimes angesehen wurde, war allgegenwärtig. Fliegende Steine gegen unser Fahrzeug waren da noch die harmloseren Unmutsbekundungen. Trotzdem hat mich dieser Besuch stark beeindruckt und zwar positiv. Wahrscheinlich war das der Beginn meiner Leidenschaft für Afrika oder – wie Afrika-Kenner gerne sagen – ich war vom Afrika-Virus infiziert.

Tropenmedizin

Wieder dauerte es etliche Jahre, bis sich für mich die Gelegenheit bot, erneut ins südliche Afrika zu reisen. Diesmal sollte meine Reise tief in den Busch führen, mit Land-Rovern und einer tropentauglichen Ausrüstung. Über viele Wochen ging es diesmal über Äthiopien nach Malawi und Sambia bis an den Kongo heran, also right into the real Africa, wie man dort gerne sagt. Dort fiel mir zum ersten Mal auf, mit wie wenig Mitteln man eine gute Medizin betreiben kann, wenn man nur will und natürlich auch die entsprechenden Kenntnisse besitzt. Der Wunsch, mich in Tropenmedizin zu spezialisieren, war geboren.

Geländegängige Fahrzeuge sind ein Muss in Afrika

Wo könnte man das besser tun, als im Mutterland der Tropenmedizin, in England, das ja aufgrund seines riesigen Commonwealth schon sehr früh mit Tropenkrankheiten konfrontiert wurde. Also bewarb ich mich an der ältesten Fakultät für Tropenmedizin der Welt, an der Universität Liverpool, UK und wurde zu meiner Freude sofort angenommen. Zugegeben, ich hatte mir das nochmal Studieren eigentlich ein bisschen leichter vorgestellt, trotzdem möchte ich keinen Moment meiner Zeit in England missen, nicht nur wegen der hervorragenden Ausbildung, sondern auch wegen der vielen Freunde und Kollegen aus aller Welt, die ich dort kennenlernen durfte.

Mit dem Hospital-Zug durch Afrika

Der Phelophepa-Zug: Klink auf Schienen

Wieder zurück in Deutschland wollte ich nun mein Wissen natürlich auch anbringen. Also auf nach Afrika! Eines meiner ersten Projekte dort war die Mitarbeit bei „Phelophepa“, einem zur Klink umgebauten Zug, der 9 Monate im Jahr durch die medizinisch schlechtversorgten ländlichen Gebiete Südafrikas fährt und eine medizinische Grundversorgung für Menschen anbietet, die sonst nie die Chance hätten, einen Arzt zu sehen. Seitdem bin ich mehrfach mit dem Zug mitgefahren und habe darüber in den verschiedenen Medien berichtet (Dt. Ärzteblatt: Klinik auf Schienen, Welt am Sonntag: Ein Arzt im Zug nach nirgendwo, Rheinische Post: Doktor auf Schienen, Rheinische Post, Ein Arzt hilft in Afrika, WDR2: Live-Bericht aus dem Zug in der WDR-Weltzeit)

Distanzen überbrücken – Fliegen in Afrika

Das Fahren in einem Zug auf Schienen ist in Afrika eine gute Idee, allerdings geht das natürlich nur dort, wo auch Schienen liegen. Auch das Straßennetz wird zwar ständig ausgebaut, trotzdem ist die Befahrbarkeit von weit mehr als 90% der Wege und Pisten auf diesem Teil des Kontinents stark von der Jahreszeit abhängig, in der Regenzeit werden viele selbst für Geländewagen unpassierbar. Transporte von Patienten oder auch dringende Besuche in einem abgelegenen Dorf wegen eines medizinischen Notfalls können sich so schon mal um Tage verschieben, wenn sie überhaupt möglich sind. Schnell wurde mir klar, dass nur das Fliegen hier Abhilfe schaffen kann. Also muss ich das Fliegen erlernen!

Ich hatte zwar schon in den USA die Ausbildung zum Privatpiloten gemacht, konnte dort aber die praktische Prüfung aufgrund schlechter Wetterverhältnisse nicht abschließen. Vom Nachfolger des legendären Prof. Bernhard Grzimek in der Serengeti, Dr. Markus Borner, wusste ich, dass die Frankfurter Zoologische Gesellschaft ihre angehenden Piloten wegen der hohen Qualität der Ausbildung in eine bestimmtes Flight Training Center nach Südafrika schickt. Also rief ich ihn an und fragte ihn, wie ich denn das am besten anstellen könnte. Dank seiner Tipps und Vermittlung nahm ich dann Kontakt mit der Akademie für Berufspiloten auf und meldete mich zur Ausbildung an.

HIV und Tuberkulose - Arbeiten im Hospital

Klick auf das Bild führt zu meiner Video-Reportage

Aufgrund meiner Pilotenausbildung stand mein nächster Trip nach Afrika natürlich sehr im Zeichen der Fliegerei, ein Projekt an verschiedenen Einsatzorten hätte ich rein zeitlich nicht unter einen Hut bekommen. Ganz in der Nähe befand sich aber eines der großen Krankenhäuser zur Behandlung der in Südafrika weitverbreiteten Tuberkulose, das Jose-Pearson-Hospital. Na ja, Krankenhaus klingt vielleicht etwas zu optimistisch, eine Ansammlung von Baracken zur Unterbringung und Isolierung von Patienten mit einer ansteckenden Krankheit trifft es vermutlich besser.

Improvisation ist gefragt

Schon aus Deutschland hatte ich den Kontakt zur dortigen Leitung gesucht, was sich dann aber –wie so oft in Afrika – als völlig sinnlos herausstellte: Vor Ort wusste niemand Bescheid, wiedermal war Improvisation angesagt. Schnell waren die Anfangsschwierigkeiten vergessen, den vor Ort konnte ich mich schnell in die Gegebenheiten einarbeiten und habe seitdem bei meinen zahlreichen Aufenthalten dort sehr viel über die bei uns schon fast vergessen geglaubte Tuberkulose und HIV lernen. Erfahrungen, die man dort am Hot-Spot vor Ort macht, sind m.E. durch nichts zu ersetzen.

Multiresistente Tuberkulose

Denn diese Erfahrungen sind unmittelbar und schärfen den Blick für das Wesentliche. Längst macht nicht mehr die „gewöhnliche“ TB im südlichen Afrika zu schaffen, sondern die immer weiter um sich greifenden resistenten und extrem resistenten Formen (MDR und XDR). Falscher Umgang mit Antibiotika durch angefangene, aber nicht zu Ende gebrachte Therapien haben immer schwieriger zu behandelnde Formen hervorgebracht. Zudem sind ca. 80% der Patienten zusätzlich HIV-infiziert –ihr zusammengebrochenes Immunsystem ist wie ein weit offenes Scheunentor für alle möglichen Erreger.

Die folgenden Links führen zu verschiedenen Radiobeiträgen, die ich über meine Arbeit im Tuberkulose-Hospital gemacht habe. Der Link zu Spiegel Online zeigt meine Videoreportage dazu. Einen bildlichen Eindruck vermitteln die Bilder unten:

 

Radioreportage „Patienten hinter Stacheldraht“

Videobericht für Spiegel-Online

 

Kann ich das auch? Etwas Mut und noch mehr Durchhaltewillen

Oft werde ich gefragt, wie man es denn anstellt, in Afrika oder anderswo in der Welt seine Kenntnisse helfend einzubringen. Dazu gibt es natürlich viele Wege, eine ganze Reihe von Hilfsorganisationen hat für fast jede „Begabung“ bzw. Qualifikation die richtige Einsatzmöglichkeit, wenn man bereit ist, auch die entsprechende Zeit in die Vorbereitung zu investieren. Besonders Engagierten kann ich durchaus nahelegen, Eigeninitiative zu entwickeln und den ganz persönlichen Weg selbst zu suchen. Das bedeutet allerdings neben dem notwendigen Wagemut ein gehöriges Maß an Durchhaltewillen, Improvisationsvermögen und Organisationstalent. Gerade in Afrika geht nichts „mal eben“ und schon gar nicht schnell. Die Bürokratie ist keine rein deutsche Erfindung, aber wer nicht nur all die genannten Eigenschaften besitzt, sondern auch noch zusätzlich bereit ist, auf Vieles zu verzichten, kann hier viel erreichen!