Die Luft in den Städten wird immer schlechter – Wirklich?

  • von drspecht
  • 08.11.2018

Typisches Symbolbild – was man sieht ist schlicht Wasserdampf

Die Luft war noch nie so sauber

Fast jeden Tag schafft es es eine neue Horrormeldung über den Zustand unserer Atemluft in die Nachrichten. Fragt man einfach draußen auf der Straße mal nach, ob sich denn die Luft in unseren Städten verschlechtert habe, so schallt einem ein kollektives „und wie, natürlich!“ entgegen. Wir sind so davon überzeugt, dass wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, dass die Qualität vielleicht gleich gut oder gleich schlecht wie vor 20 Jahren sein soll. Oder sogar besser? Niemals! Aber genau das ist der Fall. Schauen wir uns mal die viel zitierten Stickoxide an. Auf der Seite des Umweltbundesamtes selbst, das ja an diesem Zerrbild nicht unschuldig ist, findet sich eine aufschlussreiche Grafik, die die Stickstoffoxid-Emissionen nach Quellenkategorien von 1990 bis 2016 auflistet:

Darin zeigt sich von 1990 bis 2016 ein Rückgang der NOx-Emissionen um über 1,7 Millionen Tonnen (Mio. t) oder 58 Prozent (%). Der deutlichste Rückgang ist im Sektor Verkehr zu verzeichnen.

Wie kommt es aber dann, dass wir kollektiv ganz sicher sind,  die Luft sei immer schlechter geworden? Eine(!) Erklärung ist in den sogenannten Symbolbildern zu finden, die gern bemüht werden, wenn über das Thema berichtet wird. Da sitzt also ein Redakteur oder Redakteurin am PC, hat den Text fertig und sucht noch ein passendes Bild. Rauchende Schornsteine sind schön plakativ. Das hat sich in unser Bewusstsein in den 70er Jahren eingeprägt. Der Schönheitsfehler dabei: Der „Rauch“ der da zu sehen ist, ist gar kein Rauch, sondern simpler Wasserdampf. Eine Wolke am Himmel also. Mit Luftverschmutzung hat das nichts zu tun.

Was den Verkehr angeht, sind Bilder eines qualmenden Auspuffs sehr beliebt. Gar nicht so einfach, ein solches Bild heutzutage in Deutschland zu machen. In Osteuropa kein Problem, da fahren ja unsere abgewrackten Autos rum. Aber zum Glück gibt es ja Bildarchive. Das heißt, wir werden mit emotional ansprechenden Symbolbildern gedanklich in eine Richtung geschickt, wieder und wieder, die den Fakten tatsächlich widersprechen. Da Bilder aber stärker wirken als Texte, könnte man sogar die obige Grafik zu dem erfreulichen Rückgang der Stickoxide zusammen mit einem Auspuffbild veröffentlichen und die überwiegende Mehrzahl der Leser (Begucker) würde als Take-Home-Message mitnehmen: Wir werden alle vergiftet und es wird immer schlimmer.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Es kann sein – allein der Sicherheitsgedanke spricht dafür – , dass die Reduzierung der Stickoxide noch nicht reicht und weitere Anstrengungen nötig sind. Diese jedoch mit dem Schüren des Eindrucks, die Luft in unseren Städten würde immer schlechter, zu begründen, ist schlichtweg wissenschaftlich falsch und unredlich. Das gleiche gilt für die scheinbar so objektiv ermittelten Zahlen zu den sog. vorzeitigen Todesfällen durch schlechte Luft. Sie sind eben nicht gemessen, sondern aufgrund von Schätzungen, die wiederum auf Annahmen fußen, mit einer mathematischen Formel errechnet. Schon beim Wort „errechnet“ fallen wir wieder rein, impliziert der Begriff doch  ein hohes Maß an Exaktheit. Dass diese Zahlen alles andere als exakt sind ,ergibt sich schon daraus, dass man von Schätzungen ausgeht. Wenn man dann noch weiß, dass die mathematische Formel inzwischen als fehlerhaft erkannt wurde, bleibt von den vorzeitigen Todesfällen nichts mehr übrig. Ihre Zahl könnte viel größer, aber auch viel kleiner sein. Im ZDF-Beitrag (nach dem Einspielfilm) gehe ich darauf ein.

Institutionen, die mit solchen Tricks arbeiten, betreiben Alarmismus schlimmster Güte. Sie nutzen ihren Vertrauensvorschuss schamlos aus. Interessenvereinigungen geben sich hochtrabende neutral, objektiv und oft auch staatlich klingende Namen, um vom Vertrauensvorschuss etwas abzubekommen. Damit stehen sie manchen Industriezweigen, die sich auch sehr gut auf Alarmismus verstehen, in nichts nach. Manche  Journalisten wissen um die Hintergründe, machen aber trotzdem mit. Die meisten allerdings gehen den Urhebern von solchen alarmistischen Meldungen genauso auf den Leim, wie ihre Leser, Nutzer und Zuschauer.

 

2 Kommentare

Dr. Robert Isermann

Dazu habe ich eine spezielle Frage:
Gibt es eigentlich grundlegende wissenschaftliche Arbeiten darüber, ab welcher Höhe eine Stoff-Konzentration im menschlichen Organismus überhaupt eine nennenswert schädigende Wirkung und in welcher Weise (wie z. B. CO an Hämoglobin) entfalten kann – Nervengifte mal ausgenommen?

Ich möchte diese Frage mit zwei anschaulichen Vergleichen untermauern, aus denen schön hervorgeht, wie ü b e r a u s g e r i n g die Konzentration von 40 mikrogramm/m^3 ist:
1 m^3 Luft wiegt 1,3 kg . . . und 40 mikrogramm/m^3 entsprechen 30 gewichts-ppb (parts per billion) bzw. 29/46*30 volumen-ppb = 18,9 ppb (1 ppb = 1 volumen-ppb)
anschaulich gesprochen:
a) sind das 25 Chinesen aus der gesamten Bevölkerung Chinas nämlich ca. 1,3 Milliarden
b) ist das 1 einziges Pixel aus ca. 500 Millionen auf 25 Bildschirmen der Auflösung 2000×1000 . . . anders formuliert . . . es gibt nur auf jedem 25. ten dieser Bildschirme 1 einziges NO2-Molekül zu sehen, wenn man die Moleküle der Luft als Bildpunkte darstellt.

Antworten 30.01.2019

DrSpecht

Es gibt eine ganze Menge Studien, allerdings eben auch in unterschiedlicher Qualität. Hier ist eine Übersicht: http://www.inchem.org/documents/ehc/ehc/ehc188.htm

Was die „Gefährlichkeit“ von NO2 angeht, möchte ich gern auf einen hervorragenden Artikel des Recherche-Verbundes „Correctiv“ verlinken. Die machen wirklich einen guten Job, was eben auch bedeutet, dass das eine, was einer behauptet, belegt werden kann, etwas anderes vielleicht aber nicht. Zitat aus dem Artikel: „Bei den Stickoxiden hatte es zum Beispiel Studien gegeben, die bei Asthmatikern schon bei einer Konzentration von 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Veränderungen in der Lunge beobachteten (meine Anmerk.: das ist mehr als 2x so hoch wie der Grenzwert). Und wieder andere Studien, in denen man nichts feststellen konnte.“
Hier der Link: https://correctiv.org/faktencheck/medizin-und-gesundheit/2018/12/18/adventskraenze-sind-nicht-schlimmer-als-diesel-der-stickoxid-grenzwert-ist-trotzdem-fragwuerdig

Antworten 30.01.2019

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